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Konjunktur & Märkte

Chefvolkswirte von Versicherern rechnen mit weiteren Zinsschritten

Die Inflation ist hartnäckig hoch. Das bedingt nach Einschätzung der Chefvolkswirte mehrerer Versicherer weitere Zinserhöhungen. Die damit verbundenen wirtschaftlichen Einbußen seien gegenüber einer Stagflation das kleinere Übel.

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© Igor Flek / Unsplash

Europa wird nach Einschätzung der Chefvolkswirte großer Versicherer noch längere Zeit mit stark steigenden Preisen leben müssen. „Die Inflation bleibt ein hartnäckiges Thema für 2023 und 2024“, sagte Michael Menhart, Chefvolkswirt der Munich Re, am Montag auf einer Webkonferenz des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). „Wir haben erst die erste Runde der Überwälzung steigender Zinsen und Energiepreise gesehen“, sagte auch Ludovic Subran, Chefvolkswirt der Allianz. Die Hartnäckigkeit der Inflation sei besorgniserregend.

Für die Ökonomen sind weitere Zinsschritte daher unvermeidlich: „Die Zentralbanken werden weiter an der Zinsschraube drehen, vor allem in Europa, vielleicht auch in den USA“, sagte Jérôme Jean Haegeli, Chefvolkswirt der Swiss Re. Dass die Zinsen noch stärker steigen müssten, sei dem zögerlichen Handeln der Notenbanken zu Beginn des Preisanstiegs geschuldet: „Die Zentralbanken haben es einfach verschlafen.“

Hoffnung auf baldige Zinswende verfrüht

GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen hält die Hoffnung auf Zinssenkungen jedenfalls für verfrüht: „Ich glaube, dass die Märkte ihre Erwartungen über die Haltung der EZB revidieren müssen.“ Dies betreffe vor allem den Zeitpunkt der ersten Zinssenkung. „Solange die Teuerungsraten ihren Zielwert noch um mehr als das Doppelte übersteigen, wird die EZB richtigerweise an ihrem Weg festhalten“, so Asmussen. Wie stark die Zinsen noch steigen, hängt laut Allianz-Chefvolkswirt Subran davon ab, „wie peinlich genau die EZB ihr Inflationsziel nimmt“. 

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Mit einer weiteren Straffung der Geldpolitik verschlechtern sich auch die konjunkturellen Aussichten. Steigende Zinsen würden zu weiteren wirtschaftlichen Verwerfungen führen, so Hageli. Davon geht auch Menhart von Munich Re aus: „In der Vergangenheit ist es den Notenbanken nicht gelungen, eine dermaßen hohe Inflation auf ihr eigentliches Preisziel zurückzuführen, ohne volkswirtschaftliche Schmerzen auszulösen.“ Trotz der zu erwartenden wirtschaftlichen Einbußen halten die Chefvolkswirte eine entschlossene Reaktion der Notenbanken auf die Inflation für richtig: „Eine Rezession ist das kleinere Übel als eine langjährige Stagflation“, betonte Haegeli von Swiss Re. 

Versicherungssektor ist resilient

Die steigenden Zinsen könnten nicht nur in der Realwirtschaft noch zu schmerzhaften Anpassungen führen, sondern auch im Finanzsektor, so Haegeli. Davon betroffen seien beispielsweise die Banken oder der Immobiliensektor. Für die europäischen Versicherer sieht er hingegen kaum eine Gefahr, sie seien eher Profiteur steigender Zinsen: „Das Anlageprofil der europäischen Versicherer ist qualitativ sehr gut.“ So würden beispielsweise weniger als fünf Prozent des Anlageportfolios deutscher Versicherer auf Hochrisikoanleihen entfallen. Dies zeige, wie resilient der Sektor sei, so Haegeli. 

Langfristig wird Europa nach Ansicht von Menhart ohnehin mit einer höheren Inflation und höheren Zinsen rechnen müssen. Denn die preisdämpfenden Effekte der vergangenen Jahrzehnte, die Globalisierung und die Verlagerung von Produktion ins billigere Ausland – das sogenannte Offshoring –, wirkten nicht mehr so stark. Dagegen gebe es einige preistreibende Effekte, allen voran die Dekarbonisierung, die mit einer Verteuerung der Energie einhergehe. „Wenn man sich den langfristigen Inflationstrend anschaut, dann spricht viel dafür, dass wir ein höheres Zinsumfeld bekommen“, so der Chefvolkswirt der Munich Re.

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